Suchen

Canossa

Meine “ausgezeichnete” Geschichte ...



 

Rothenstein war auf dem Weg nach Hause. Endlos und beschwerlich war es für ihn gewesen. Lange Zeit hatte er die alte Heimat nicht mehr gesehen. Hatte sich viel verändert? War es überhaupt sein zu Hause? Würde man ihm verzeihen? Bald würde er es wissen. Seine innere Anspannung wuchs mit jedem Meter, den er seinem Ziel näher kam. Er sah aus dem Fenster des Omnibusses; sah das weite Maisfeld, das er noch von damals kannte und von welchem er als kleiner Junge heimlich die Früchte kurz vor der Ernte gekostet hatte; sah die weite Wiese, auf denen noch immer Pferde umherliefen; sah die Weide droben auf dem Hang, wo noch immer die Schafe grasten; sah das alte Bauernhaus, vor welchem sich noch immer die kleinen Fächer mit frischen Hühnereiern befanden, mit denen die Menschen aus der Umgebung versorgt wurden; sah die Allee, die er so oft zu Fuß entlang spaziert war. Zurückhaltend, fast schüchtern, schritt er bedächtig zwischen den Mauern hindurch, sich umsehend. Er betrat das vertraute Grundstück. Nichts hatte sich verändert. Alles war noch so wie an dem Tag, als er gegangen war. Mit zittriger Hand betätigte er die Türklingel; Schritte kamen näher; die Türe öffnete sich; ein weit aufgerissenes Augenpaar sah ihn an. „Papa? Mein Gott, Papa! Du?“ Marianne bedeutete ihrem Vater, dass er eintreten solle. Das Wiedersehen fiel weniger herzlich aus, als er es sich gewünscht hatte. Zu tief saß der Schmerz noch bei der Tochter. Im Haus, das er weiland von seiner Mutter bekommen hatte und das die Familie seit Generationen besaß, hatte sich nichts verändert. Sein gerahmtes Foto stand noch auf dem alten Sekretär. Mit einer Kanne frischen Kaffee betrat die Tochter das Wohnzimmer. Schweigend saßen sie eine Weile beieinander. Rothenstein bedrückte diese unheimliche Stille zutiefst. „Wie geht es Mutter? Wohnt sie immer noch bei dem alten Doppeldoktor?“ Marianne sah traurig zu Boden. „Herr Doktor Ehring ist im letzten Jahr gestorben. Oma hat es nicht verwunden. Nein, sie wohnt nicht mehr dort.“ Rothenstein massierte nachdenklich sein Kinn. „Und wo wohnt sie jetzt? Ist sie wieder hier bei euch? Kann ich …“ Marianne unterbrach ihn. „Komm, ziehe Deine Jacke wieder an!“ Sie stand auf, zog den Mantel über und nahm die Autoschlüssel von der Kommode. Gemeinsam fuhren sie davon. „Sagst Du mir, wohin die Reise geht?“, fragte Rothenstein verunsichert. Marianne schwieg. An einer großen Kreuzung mussten sie halten. Laut kreischte der alte Kaiserwagen an ihnen vorbei. Die Fahrt endete schließlich auf einem großen Parkplatz. Rothenstein kannte das weitläufige Gebäude. „Sag bitte jetzt nicht, Mutter ist hier!“ Mit versteinerter Miene führte die Tochter ihn in die siebte Etage des Hochhauses; am Ende des langen Ganges öffnete sie die Zimmertüre und betrat den Raum. Rothenstein erschrak. „Mama!“ Vor ihm lag eine alte, ungepflegt aussehende Frau, die er nur mühsam als seine Mutter wieder erkannte. Gitter umschlossen ein Bett, das nur von wenig Tageslicht beschienen wurde. Eine Synthese aus Krankheit, Schweiß und Kot odorierte die stickige Luft. Mit Tränen in den Augen lief Rothenstein aus dem Zimmer, den Flur entlang zum Besucherraum, hinaus auf den Balkon. Eine Hand legte sich auf seine Schulter; Marianne war ihm gefolgt. „Papa, so sieht das hier aus. Seit Du fort bist, hat sich hier viel verändert. Kalt ist es im Lande geworden. Oma braucht Gesellschaft und Pflege. Vor ein paar Wochen ist sie aus ihrem Bett gefallen. Seitdem sind die Gitter immer hochgeklappt. Gott sei Dank hat sie sich nicht viel getan. Hier im Hochhaus arbeiten noch vier Pflegerinnen, wenn alle da sind. Nachts ist es nur eine einzige, die 31 Menschen betreut. Alle anderen wurden über die Jahre entlassen, weil Gelder fehlen. Neulich hat Oma ins Bett gemacht. Da lag sie über Stunden in ihren Exkrementen. Sie hat nur Pflegestufe I. Wir bekommen etwas mehr als 1000 Euro, aber ihr Platz kostet im Monat 2400. Ihre Rente deckt das auch nicht ab. Für das Sozialamt sind wir zu reich und müssen pro Monat über 600 Euro dazu schießen. Papa, das können wir nicht mehr bezahlen. Max wird Ende des Jahres arbeitslos, weil so ein Global-Player die Firma aufgekauft hat und schließt. Wir sind völlig verzweifelt. Wo sollen wir denn mit Oma hin? Ich würde sie gerne nach Hause holen, aber ich muss die Kinder betreuen und nebenbei arbeiten. Und wenn Max keinen Job mehr hat, können wir uns auch eine ambulante Pflege nicht leisten.“ Rothenstein weinte still. Verstohlen wischte er sich die Tränen aus dem Gesicht. So hatte Marianne ihren Vater noch nie gesehen. Bedächtig wandte er sich ihr zu. „Das hat sie nicht verdient. Marianne, lass uns Mutter nach Hause holen. Wenn ihr dazu bereit seid.“ Verwundert blickte sie ihm in die geröteten Augen. „Uns? Nach Hause? Aber Du …“ „Du weißt, warum ich damals gegangen bin. Aber ich weiß immer noch, wo mein zu Hause ist. Euch einfach nur das Geld geben, das wäre mir zu billig. Unsere Familie hat früher immer unter einem Dach gelebt. Gemeinsam! Denkt darüber nach, bitte!“ Mariannes Gesicht wurde weicher und milder. „Von mir aus gerne und sofort! Das Haus gehört außerdem immer noch Dir. Die Kinder würden sich freuen, endlich ihren Opa nicht allein aus Erzählungen zu kennen und Max hätte sicher auch nichts dagegen. Insgeheim hat er Dich für Deine Konsequenz und Stärke stets bewundert.“ Rothenstein telefonierte; dann bestiegen sie das Auto. „Fahr mich bitte zum Flughafen! Ich habe etwas dringendes zu erledigen. Gebt mir eine Woche, dann bin ich wieder hier. Marianne, ich hätte viel früher kommen müssen. Bitte verzeih mir! Man muss zusammenhalten; erst recht, wenn andere versagen. Das habe ich spätestens heute gelernt …“
In Mariannes grünem Kleinwagen ließen beide die Vergangenheit hinter sich und fuhren durch den späten Herbstnachmittag.

 

 


Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.