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strg+alt+entf (Hörprobe zum Lesen)

Beide schaden sich selbst: Der zuviel verspricht und der zuviel erwartet.
Gotthold Ephraim Lessing
(aus: Hamburgische Dramaturgie. Ankündigung)

ERSTES BUCH

Heute würde der Hausherr des Berliner Kanzleramtes das Misstrauen gewinnen. Die Auguren pfeifen es von den Dächern – alles ist teuer: das Öl, die Arbeit, das Leben und Sterben. Viele haben viel und sogar noch mehr. Kein Tag vergeht ohne Nachricht in den Gazetten: Des Volkes Wagen ist unerschwinglich, aber gut subventioniert – Köpfe rollen; dem kleinen Mann mutet die herrschende Klasse Arbeit für eine symbolische Münze zu, während sie doppelte Kasse macht – Steigerung des Selbstwertgefühls durch Frondienste! Macht macht Lust auf mehr. Es muss nicht immer nur Macht sein. Pecunia aut amor! Dann verzichten sie lieber auf Zuneigung. Des Hausherrn Vorgänger wird hofiert. Staatsverschuldung? Plünderung der Sozialkassen? Spenden? Ein Volk vergisst schnell in einem Land, in dem Dinge binnen weniger Tage verjähren! Massenarbeitslosigkeit – Nullrunde – Sozialeinschnitte – DAX-Höhenflug. Gellend poltern die Schlagzeilen! Frieden ist nicht allein die Abwesenheit von Krieg!

Wir sind wieder ein Volk! Lange schon. Immer gewesen! Aber haben das wirklich alle begriffen? Wir sind alle im Westen! Geografisch, politisch, preislich; nur nicht verdienstlich und emotionell! Schauspieler und Sänger sind prominenter als Präsidenten. Talentfreiheit hat Konjunktur. Zu viele können nichts, außer gut davon leben. Die Armut wächst, nicht nur die geistige. Der Turm ist in arge Schieflage geraten. Eltern sind schuldlos, wie immer. Es liegt am System. Die Straßen sind voll, voller als früher. Junggebliebene verprassen das Geschenk des Alten. Wer hat eigentlich das Barvermögen, von dem alle sprechen, irgendwo zuletzt gesehen? Schmutziges Wasser fließt durch Sachsen.

Heiße Köpfe und kühle Herzen regieren. Doch was geht tatsächlich vor in diesem Land? Zum Beispiel in einer kleinen Großstadt im Westen, sagen wir im Bergischen ...

„Na, mein kleiner Freund. Was machst du denn hier?“ Carina sprach mit dem kleinen Marienkäfer, der sich auf dem Rücken ihrer linken Hand niedergelassen hatte. Leichter Nebel lag über der Stadt wie ein dünner Sommermantel. Ein Schwarm Schwalben kreiste über den Bäumen und verschwand in der Enge des Tals, aus dem Carina hinauf auf den Hügel geflüchtet war. Von der Stadt war nichts zu sehen, aber ihr Pulsschlag war deutlich zu vernehmen. So also hört sich das Leben an! Die blonde Frau schloss die Augen und ließ sich in eine Fülle aufwühlender Emotionen treiben. Sie saß auf einer Bank und nahm zum ersten Mal eine Stadt, ihre Stadt nicht allein mit den Augen wahr. Dieses sanftleise Getöse war ihr fremd. Selbst als sie an allem noch intensiver teilgenommen hatte, waren ihr solche Dinge nie aufgefallen, fremd geblieben. Bisher wusste sie nur, wie sich die Alltäglichkeit anfühlt: der Stress und die Hektik, alles nach Uhrzeit, nach der Arbeit des Mannes und nach der Familie ausrichten, immer für die Kinder da sein, seit dem Tod ihres Vaters die Mutter betreuen, dem Mann zu Hause als Geliebte und Sekretärin dienen. All die Jahre hatte sie zu wenig Zeit für sich gehabt und viele Dinge waren einfach an ihr vorbeigezogen. Ein zarter Wind blies ihr leise die Stadt entgegen. Carina öffnete die Augen und blickte auf das eingehüllte Tal, strich sich eine Haarsträhne aus dem schmalen Gesicht und schüttelte sachte den Kopf. Alles stellte sie infrage. Selbst ihre Ehe nahm sie davon länger schon nicht mehr aus. War sie überhaupt jemals glücklich gewesen? Sie genoss die freie Zeit, füllte sie aber vermehrt mit Grübeleien. Schwaden von Feuchtigkeit in der Morgenluft ließen die grüblerische Frau frösteln. Sie zündete sich eine Zigarette an, blickte aus ihren blauen Augen melancholisch einem jungen Paar mit Hund entgegen, welches aus dem Nebel auftauchte, den serpentinenartigen Weg entlangflanierte und sie Arm in Arm passierte. Carina hing weiter ihren Gedanken nach.

Carina, eine äußerst attraktive Frau von einundvierzig Jahren, hatte zwanzig davon an der Seite ihres Gatten Bernd verbracht. Der Polygamist, wie sie ihn scherzhaft nannte, war in seiner Firma beliebt und erfolgreich, stand kurz vor dem Aufstieg in den Vorstand. Aber leider verschloss er sich gegenüber den Widrigkeiten, auf die seine Gattin in ihrer täglichen Routine stieß. Seinem Ehrgeiz und seinen inneren Einstellungen hatte die Lebenspartnerin den geforderten Zoll entrichten müssen. Sie selbst hatte vor ihrer Ehe einige Jahre als Mannequin ein aufregendes Leben genossen, doch dann tauschte sie Laufsteg, Rampenlicht und Öffentlichkeit gegen Heim, Familie und Alltag. Bernd hatte es so gewollt. Viele Jahre war sie in dieser Rolle aufgegangen, hatte den Platz und den Rang, den Bernd ihr mit sanftem Druck zugewiesen hatte, brav ausgefüllt. Doch das mühsame Zähmen ihrer Wünsche, Neigungen und Sehnsüchte, der Verzicht darauf, sich voll ausleben zu können, zeitigte, besonders in den letzten Monaten, den verstärkten Drang nach einem Ausbruch, nach einem Neubeginn. Wozu habe ich eigentlich damals das Abitur gemacht?, fragte sie sich immer wieder, ohne eine passende Antwort finden zu können. Sie liebte die Kinder und sie waren ihr Lebensmittelpunkt. Doch seit einem Jahr waren die Zwillinge volljährig, hatten soeben die Schule beendet und gingen eigene Wege.

Versonnen blickte Carina auf den Nebel und zog an der Zigarette. Was soll’s? Ich habe zwei tolle Kinder, ich wohne in einem schönen großen Haus, besitze ein Auto, habe Geld und eine beste Freundin, fuhren ihr die üblichen beschönigenden Gedanken durch den Kopf. Doch dann ertappte Carina sich dabei, wie sie laut vor sich hin schimpfte: „Das ist nicht alles, verflucht! So geht es nicht weiter!“ Mit einer aggressiven Handbewegung warf sie die Zigarette auf den Boden, erhob sich, stampfte die glimmenden Reste mit dem Absatz des linken Schuhs wütend in den Kies und sah sich verstohlen um. Niemand hatte sie beobachtet. Da stand sie nun, legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Tränen liefen ihr über die Wangen. Langsam ging sie den schmalen Weg hinauf zum Parkplatz am Bismarckturm. Ihr Herz hing an Bernd, aber ihr Verstand schrie nach gravierenden Veränderungen. Noch wusste sie nicht, wer in diesem Gefecht obsiegen würde.

Das Handy musizierte in ihrer Handtasche. Eher unwillig holte sie es aus dem kleinen italienischen Designererzeugnis. Auf dem Display kündigte sich Polygamist mit dem Wunsche an, sie sprechen zu wollen. Der hat mir jetzt gerade noch ..., sie drückte auf die Annahmetaste. „Hallo Schatz!“, sagte sie der Gewohnheit folgend. Bernd musste wie schon tausendfach zuvor mitteilen, dass es am Abend nichts mit der geplanten Zweisamkeit werden würde. „Ja, Schatz! ... Ich bestelle den Tisch wieder ab ... Nein, ich bin nicht böse ... Ja, das holen wir sicher nach ... Nein, bestimmt nicht! ... Ich warte nicht ... Ja, ich dich auch! ... Tschüss!“ Kopfschüttelnd steckte sie das Telefon zurück in ihre Tasche. „Eigentlich können wir das Gespräch auf Band aufnehmen und dann einfach bei Bedarf abspielen“, lachte sie laut vor sich hin und ging zu ihrem Wagen. Irgendetwas in ihr verlangte unversehens lautstark und vehement nach Gesellschaft. Das kleine Café neben dem modernen Bücherantiquariat, von dem ihre beste Freundin öfters gesprochen hatte, fiel ihr ein. „Jetzt brauche ich etwas zum Wärmen“, sagte sie zu sich, nickte einmal kurz und heftig und setzte sich in ihr Auto. Die Melancholie, die leise Depression, alles schien verflogen, war verdrängt. Die Absage Bernds machte ihr schon nichts mehr aus; es war – wie vieles andere in ihrer Ehe – Routine geworden. Für die schlechten Sichtverhältnisse viel zu schnell verließ Carina den Ort allen Grübelns. Gleich zu Beginn der Fahrt schaltete sie das Radio ein und steuerte laut singend und zielsicher ein ihr gut bekanntes Parkhaus an, überließ den kleinen teuren Wagen der Dunkelheit und schlenderte in Richtung des Cafés „Engel“.

Das lag in einem schmucken Altbau direkt gegenüber der Kirche, die dem Stadtheiligen Laurentius geweiht war. Carina trat ein, zog die Jacke aus, hängte sie über die Rückenlehne eines Stuhles am einzig freien Tisch an der Fensterfront und nahm Platz. Sie bestellte einen Latte macchiato und ein Päckchen Zigaretten; nach einem Frühstück war ihr nicht. Neugierig die Menschen im Lokal und auf der Straße beobachtend, dabei die nunmehr leere Schachtel langsam zerknüllend, rauchte sie deutlich entspannter die letzte Zigarette. Ein junger Mann ging vorbei, blickte durch das Fenster und lächelte ihr zu. Bei diesem Anblick verwandelte sich das zuvor finstere Gesicht schlagartig in ein weiches und freundliches. Carina lächelte zurück, verlegen mit dem Mittelfinger der linken Hand eine Haarsträhne aus der Stirn streichend. Früher war ihr dies öfter passiert, als sie noch keine Kinder hatte und unverheiratet war. Oder habe ich es einfach all die Jahre nie bemerkt?, überlegte sie. Bernd lächelt selten – wenn er schon mal zu Hause ist. Lächelt er überhaupt? Selbst wenn wir bei Partys oder Geschäftsessen sind, lächelt er sparsam.

Das laute Quietschen von Autoreifen riss sie aus den gerade wieder aufkeimenden Gedanken. Ein Lieferwagen bremste hart vor einer alten Frau. Der Fahrer des Wagens schien auf die Alte einzuschimpfen. Er saß gestikulierend hinter seinem Lenkrad und tippte sich mit dem Zeigefinger gegen die Stirn. Die alte Frau schlich ungerührt weiter ihres Weges über den großen Platz. Carina blickte ihr solange nach, bis sie in der Kirche verschwunden war.

„Bitte sehr! Ihr Latte macchiato und die Zigaretten.“ Die Kellnerin stellte beides ab und ging wieder hinter den Tresen. Man vernahm nur wenig von dem, was auf ein Zusammensein von Menschen hinzudeuten vermochte. Carinas Blicke schweiften durch das Café. In einer Ecke saß ein Mann, gut gekleidet und nicht unattraktiv, mit seinem Notebook auf dem Tisch beim Frühstück. Er wurde durch sein Handy mehrfach unterbrochen. Mit hastigen Schlucken trank er seinen Kaffee und führte sein belegtes Brötchen bereits wieder zum Mund, obwohl er noch kaute. Dabei fiel etwas von der Semmel herab auf seinen Laptop. Diesen Anblick kannte sie nur zu gut. In der Ecke ihm schräg gegenüber saß ein älteres Paar, dass sich angeregt unterhielt und häufig lachte, ohne die Umgebung dabei zu stören. Beide waren braungebrannt und gingen sehr liebevoll miteinander um. Sie frühstückten ohne Hast und schienen ihr Miteinander zu genießen. Am Tisch neben ihr las ein Mann in einer rosafarbenen, ihr gänzlich unbekannten Zeitung und hielt permanent eine Espressotasse in der Hand. Erst nach einer Weile stellte er das leere Gefäß klirrend auf dem kleinen Teller ab. Schließlich entdeckte Carina einen Zeitungsständer in einer Nische neben dem Tresen. Die hölzernen Zeitungshalter kannte sie nur aus einem Kaffeehaus in Wien, das sie mit ihrem Mann während einer der wenigen gemeinsamen Geschäftsreisen besucht hatte. Sie ging an die Bar und suchte sich zwei Exemplare aus. Eigentlich mochte Carina das bunte Papier mit den vier großen Lettern nicht, aber aus Neugier nahm sie es in Augenschein. Bereits die Schlagzeile auf der ersten Seite konnte ihr nur ein Kopfschütteln abringen. Die blonde hübsche Frau verzog die Miene, ertappte sich aber dabei, dass sie die Zeitung mit einer Art abstoßendem Interesse durchblätterte und sogar einzelne Artikel gründlich Wort für Wort las. Sie rauchte und trank ihren Milchkaffee zur Neige.

„Ich möchte gerne zahlen!“, rief sie der Kellnerin zu, die dem Tischnachbarn gerade einen weiteren Espresso brachte. Wer zahlt schon gern? Eigentlich ein ziemlich dummer Satz, dachte sie, während sie ihre Geldbörse aus der Handtasche holte. Eine innere Unruhe trieb sie plötzlich nach draußen. Der Schrei nach Veränderung hallte in ihr nach. Heute oder nie! Oder doch nicht? Lieber abwarten! Die Kinder verlassen uns bald, haben uns schon verlassen, gehen eigene Wege, studieren auswärts. Dann!, entschied sie. Nach zwanzig Jahren machen ein paar Wochen auch nicht mehr viel aus. Die Trennung war für sie beschlossene Sache. Zuerst wollte sie Barbara unterrichten. Ihr, der Freundin und Schwester seit Kindertagen, vertraute sie sich stets an. Dann erfahren es die Kinder, dann, falls er Zeit hat, auch Bernd.

Carina verließ das Café, nachdem sie den Obolus entrichtet hatte, und schlenderte ohne festes Ziel in Richtung Innenstadt, vorbei am Fluss, der an dieser Stelle knittrig wie ein zerwühltes Kissen das Tal rauschend durchschnitt, um nur wenige Meter später wie glatt gebügelt den vielen Enten als Planschbecken zu dienen. In ihrem Rücken kündete das so vertraute dumpfe Rattern von der bevorstehenden Vorbeifahrt des einzigartigen Verkehrsmittels der Stadt, das sie seit ihrer Jugendzeit nicht mehr benutzt hatte. Sie blieb einen Moment stehen, blickte dem Schwebebahnzug nach und besah anschließend mit verträumtem Blick das Sparkassenhochhaus am gegenüberliegenden Wupperufer. Gemächlich schritt sie weiter. Eine dunkle Gestalt kam unsicheren Schrittes über eine Fußgängerbrücke und geradewegs auf sie zu. Es war ein Mann. Er war ärmlich gekleidet. Eine große, krumme Nase teilte ein ausgemergeltes, bleiches Gesicht. Ein lebloses, gerötetes Augenpaar sah sie an. Eine brüchige, matte Stimme drang zu ihr: „Entschuldigen Sie, dass ich Sie anspreche. Das ist sonst nicht meine Art. Aber ich habe heute das Frühstück dort drüben verpasst.“ Er drehte sich um und zeigte mit zittriger Hand zu dem Ort, wo die städtische Tafel ihre Mahlzeiten verteilt. „Haben Sie vielleicht etwas Kleingeld für mich?“

Zwei große blaue Augen blickten ihn nachdenklich an. „Kaufen Sie sich dann auch bestimmt nur etwas zu essen? Für Alkohol gebe ich nichts!“

„Ich verspreche Ihnen, ich gehe gleich da drüben zum Bäcker!“ Er zwinkerte ihr zu und sagte leiser: „Zu trinken hab ich noch, mein Fräulein.“ Carina kramte ihr Portemonnaie aus der Tasche und gab ihm einen Fünfeuroschein. „Heute ist Ihr Glückstag. Ich habe gerade kein Kleingeld!“

Dem Mann, sie schätzte ihn auf über fünfzig, traten Tränen in die Augen. „Das kann ich nicht annehmen. Nein! Das ist zu viel. Bitte! Mir ist das ohnehin schon peinlich.“

„Nehmen Sie und kaufen Sie sich jetzt etwas zu essen! Tschüss!“ Die sonst eher sanfte feminine Stimme bekam einen harten Unterton der Entschiedenheit. Der Mann verabschiedete sich von ihr und bedankte sich noch einmal. Dann schlich er weiter, bog in die nächste Straße ein und ging tatsächlich in die dort ansässige Bäckerei. Carina kannte den Platz. Einmal waren sie dort vorbeigekommen, als gerade der Wagen mit dem Essen vorgefahren war. Sie hatte nicht gewusst, dass es so etwas überhaupt gibt. Erschüttert über die aufklärenden Worte ihres Mannes hatte sie im Vorbeifahren die Zahl der Menschen, die dort damals auf eine warme Mahlzeit gewartet hatten, auf über siebzig geschätzt. Vor allem die Anwesenheit vieler Kinder machte sie allein bei dem Gedanken betroffen und sie hatte Bernd immerhin dazu bewegen können, dass seine Firma diese Wohltätigkeit nun unterstützte. Sie freute sich über eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen ihr Mann nicht Teilnahmslosigkeit demonstrierte. „Das sollten gewisse Damen und Herren sich mal öfters anschauen, bevor sie Entscheidungen treffen!“, hatte sie ihm gesagt.

Carina nahm ihre kleine Wanderung wieder auf. Am erhöhten Kopf der Fußgängerzone wimmelte es zu dieser frühen Tageszeit bereits von Menschen. Überall verstreut standen kleine Gruppen von Drogenabhängigen und Obdachlosen. Nicht nur die örtliche Polizeibehörde sah dies mit Sorge und Verdruss. Auch vielen Bürgern war das ein Ärgernis. Man sprach von einer Schande für die Stadt, von verlorenem Renommee, von Schädigung des Tourismus, ja, von einem Skandal. Hatte aber auch nur eine Stimme laut über die Menschenschicksale gesprochen, die dort zu besichtigen waren? Es war eigens eine Polizeiwache eingerichtet worden, in die zwei Streifenbeamte gerade eine Person begleiteten, die sich heftig dagegen wehrte.

Carina bog links in die Fußgängerzone ein und ging zügig an den imposanten Arkaden, dem neuen Tempel des Konsums, vorbei. Menschenströme bewegten sich teils hektisch, teils bedächtig in alle Richtungen. Die Schlange kroch an der verunsicherten Frau hinauf, begann sie zu packen und zu würgen. Sie flüchtete in eine weniger belebte Seitenstraße. Dort war es ruhig, dort konnte sie frei atmen. Carina holte tief Luft, als sie plötzlich erschrak. Vor ihr stand ein Lieferwagen und wollte passieren. Der Fahrer hupte. Wild gestikulierend versuchte er ihr verständlich zu machen, dass sie beiseite zu gehen habe. Er kurbelte das Seitenfenster herunter. „Mensch, mach Platz, ich will hier durch! Träum gefälligst woanders!“, raunzte sie eine tiefe Stimme an. Die trotz allem wenig eingeschüchterte Frau erkannte in ihm den Mann, der vor dem Café beinahe die alte Dame überfahren hatte. Sie schüttelte verständnislos den Kopf und lächelte ihm milde zu: „Geben Sie Gas, mein Herr, bevor mir noch versehentlich die Zigarette auf Ihren Schoß fällt.“ Sie streckte ihm die Hand mit dem glimmenden Stäbchen entgegen und winkte ihn durch. Ohne Eile ging sie zurück in Richtung Parkhaus. Sie hatte genug Geselligkeit erfahren. Auf dem Platz vor der alten Reformierten Kirche sah sie sich interessiert die Bronzetafel mit der Abbildung der alten Burg an. So hat es also früher hier ausgesehen, dachte sie. Da ging es aber gemütlich zu. Gelegentlich mal ein Pferdewagen. Keine Hektik, keine Kaugummis auf dem Asphalt. Im Tabakwarenladen gegenüber besorgte sie sich die Cosmopolitan und nochmals ihre Marke. Ein freundlicher, älterer Herr bediente sie. Ihr gefiel seine Gelassenheit und sein zuvorkommendes Benehmen. Sie mied nun das Menschengewirr. Gerade als sie eine Straße überqueren wollte, kam ihr der bleiche Mann entgegen, mit einer bunten Papiertüte in der Hand und kauend. Er grüßte sie und hielt ihr kurz demonstrativ das kleine Reststück eines Croissants entgegen. Sie lächelte ihn an. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite schritt langsam und elegant ein junger, hochgewachsener Mann mit langem, dunklem Haar über den Gehweg. Er hielt eine braune schmale Ledertasche unter dem rechten Arm und schien in Gedanken versunken. Carina sah ihm eine Weile nach und ging daraufhin direkten Weges zum Parkhaus.

© 2006 André Krajewski


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