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Paris im April

 

 

Dorothea spricht nur wenig.
Die ganze Zeit unserer gemeinsamen Reise gibt sie von sich lediglich ein bedrücktes Schweigen, ob des baldigen, bevorstehenden Abschieds. Nur ab und an erhebt sie ihre sanfte Stimme leise und mit jedem Ton schwingt Angst durch das Zugabteil; Angst vor dem Verlust, der Leere.
Vor etwas mehr als einem halben Jahr war ich in Dorotheas Stadt gekommen, mich zu bilden und das Land meines Großvaters kennenzulernen. Die Maske des Wahnsinns hatte einst offene Türen eingerannt und den Anverwandten als Besatzungssoldat in die Metropole geführt, von der Paul Valéry schrieb, sie sei die vollständigste Stadt der Welt. Meine Eltern hatten nie den Weg in das Tal der Wupper gefunden, doch in mir war allzeit der Wunsch, ja der Drang lebendig gewesen, irgendwann die Wurzeln meiner Familie zu entdecken. Rückblickend war somit der Entschluss, wo ich mein Auslandssemester verbringen würde, schlicht ein konsequenter und logischer gewesen.
Meine Zeit in dieser kleinen Bergischen Großstadt ist vorrüber und Dorothea, der kurze trockene Abschiede verhasst sind, begleitet mich auf meiner Heimreise, um an einem langen Wochenende mir in meiner Stadt Adieu zu sagen.
Vereinzelt stechen Sonnenstrahlen durch die grauen Wolken, wie Stricknadeln durch ein Knäuel Wolle. „Sieh dort hinten!“ rufe ich ihr zu und deute mit dem ausgestreckten linken Arm unmittelbar an ihrem Gesicht vorbei aus dem Fenster. Golden blitzt in der Ferne der Eiffelturm, schlank, phallisch, majestätisch. Dorothea erschrickt und blickt mit vor Aufregung geröteten Wangen in Richtung meines Zeigefingers. Schon verdüstert sich der Himmel erneut und das schmale, eiserne Gerüst versinkt in einem melancholischen anthrazit. „Was siehst du, wenn du mit der Bahn in deine Stadt hineinfährst?“ frage ich sie. Die junge schöne Frau in meinem Arm schaut mich an und überlegt einen Moment. „Vor dem ersten Bahnhof sehe ich vorher rechts auf einem Hügel ein Wohnhochhaus. Man sieht es bereits von weitem.“
„Dann schau jetzt einmal hinaus. Was siehst du nun?“ Dorothea wirft den Kopf herum und ihr zu einem Pferdeschwanz gebundenes Blondhaar streift mein Gesicht. „Das ist doch... Sacré-Cœur.“ Freude und Bewunderung verlassen ihre Lippen, die sich nun reger bewegen und es scheint, als sei ihre Trauer verklungen, verdrängt, verschwunden. Gemeinsam aus dem Fenster blickend, genießen wir die Aussicht und mich erfüllt ein warmer Gedanke: ‚Ich bin zu Hause’.
So fahren wir ein in den Gare du Nord, packen unsere Rucksäcke und Taschen, steigen aus und marschieren den langen Bahnsteig entlang durch die weite Halle. Meine Bemerkung, das es so etwas in der Provinz nicht gebe, quittiert die sich unschauende Geliebte mit einem wütenden Blick. Ich kann mich eines Lachens nicht erwehren und wir steigen schließlich hinab zur Metro. Schon bei der nächsten Station Barbès Rochechouart steigen wir um und beeindruckt vom besonderen Flair des arabischen Viertels, scheint Dorothea endgültig den eigentlichen Sinn ihres Hierseins vergessen zu haben. Jede Kleinigkeit sieht, atmet, riecht und fühlt sie und mir wird schmerzlich bewusst, dass ich dies bei den gemeinsamen regelmäßigen Spaziergängen in ihrer Stadt vernachlässigt hatte. So fahren wir weiter mit der Linie 4 bis zur Station Belleville und gehen müden Schrittes bis zur Rue Jules Vernes. „Endlich zu Hause“, entfährt es mir laut. Ich läute nicht, sondern hole umständlich die Schlüssel aus meinem Rucksack, öffne die schwere hölzerne Eingangstüre und gehe mit Dorothea durch das finstere Treppenhaus hinauf, sie meinen Eltern vorzustellen.
Es kommt so, wie in den kitschigen Kinofilmen, die mir zuwider sind. Nach leisem Öffnen der Wohnungstür erhellt sich schlagartig der Vorplatz. Ich werde begrüßt, wie der verlorene Sohn, Dorothea wie die sehsüchtig erwartete Schwiegertochter und Tati, der schneeweiße Hauskater, passiert mich mit beleidigt erhobener Nase und würdigt mich keines Blickes. Der Tisch ist gedeckt, als hätte man uns auf die Minute erwartet und beim Abendessen kommt vor allem Dorothea zu Wort, die unsere Verbindung minutiös und ihre Stadt in den wärmsten Farben schildert. Meine Person belustigt die deutsche Zurückhaltung und Distanz des Vaters auf der einen und die sich von der sprichwörtlichen Arroganz des Parisers überaus sonnig abhebende französische Herzlichkeit und Höflichkeit der Mutter auf den anderen Seite. Nach üppigem Mahl und viel Gespräch machen Dorothea und ich uns kurz frisch und empfehlen uns auf französisch.
Auf dem Weg zum Eiffelturm erzähle ich Dorothea einiges über meine Familie, was ich bisher versäumt hatte. Das mein Großvater Offizier in der Wehrmacht gewesen war, hatte ich ihr schamvoll verschwiegen. Dieser sei damals zur dortigen Militärverwaltung nach Paris versetzt worden und dort habe er meine spätere Großmutter kennengelernt, erkläre ich mit gesenktem Blick. Nach der Befreiung durch die Alliierten, fahre ich fort, sei mein Großvater geflohen und man habe nie mehr etwas von ihm gehört. Meiner Großmutter habe man als Zeichen ihrer Schande den Kopf geschoren und sie habe sich und den Vater unter schwierigsten Bedingungen allein durchbringen müssen. Daher komme es, das dieser zwar Franzose sei, aber von seinem Wesen her durchaus preußisch. „Was dir eben vermutlich nicht entgangen sein wird“, füge ich mit spöttischem Grinsen hinzu und blicke dabei in ein betroffen schauendes Augenpaar. An der Metrostation Trocadéro verlassen wir das alte rumpelnde Gefährt und durch das unterirdische Labyrinth hindurch, spazieren wir am Ende der Katakomben eine Treppe hinauf zum Palais de Chaillot. Zwischen den beiden Hauptpavillions verharren wir für einen Moment, wandeln kurz danach fürbass auf die Terrassen und vor unseren Augen erscheint das Wahrzeichen der Stadt. „Voila! La tour Eiffel!“
Auf die Brüstung gestützt, betrachtet Dorothea das Monument. Ich nehme sie in den Arm und sage: „Das ist schon etwas anderes, als das Atadöschen, oder?“ Schmunzelnd schüttelt die junge Frau ihren Kopf und bedeutet mir, das sie dorthin und hinauf möchte. Gerade, als ich mich in die Schlange an einem der Aufzüge anstellen will, zieht sie mich am Ärmel meiner Jacke. „Wenn schon, dann zu Fuß!“ ruft sie mir vergnügt entgegen und, mich dem Diktat der Herzensdame beugend, folge ich ihr widerstandslos.
Wir besteigen den Südpfeiler und irgendwann bliebt Dorothea unvermittelt auf einem Absatz der schier unendlichen Treppe stehen. „Weißt du, woran mich diese Konstruktion erinnert?“, fragt sie mich in grüblerischem Ton. Atemlos blicke ich die Freundin fragend an. Auf die Träger deutend, antwortet sie: „Hochindustrialisierung... Stahl... sind wir oft mit gefahren...Na?“ Ich bin perplex. Erst in diesem Augenblick erfasse ich, der diesen Turm so oft besucht, erstiegen, befahren, begangen hat, diese frappierende Ähnlichkeit mit dem Gerüst des berühmten Verkehrsmittels ihrer Heimatstadt. Ich beuge mich nach vorn, ergreife den kühlen Stahl mit meiner Rechten, schaue hinauf in das Gewirr aus Myriaden von bronzenen Streben und für einen Moment ist mir, als höre ich das dumpfheitere Dröhnen von eisernen Rädern auf eisernen Schienen, das sonore Tönen des Kaiserwagens.
Die letzte Metro bringt uns wieder nach Haus...

Ich schlafe schlecht während der Nacht, träume schlecht. Am Morgen fühle ich mich wie gerädert. Anflüge von Melancholie ergreifen mich. Mühsam versuche ich, dies zu verbergen. Nach dem Frühstück fahren Dorothea und ich zum Arc de Triomphe und ungestraft wandeln wir unter den Bäumen der Champs-Élysées. Durch den Jardin des Tuileries schlendern wir Hand in Hand. Oft hatten Dorothea und ich dies zuletzt getan, waren vielmals über die Hardt gegangen, durch den Botanischen Garten am Elisenturm, waren häufig den Spuren gefolgt, die einst vermutlich Goethe während seines Abstechers ins Tal der Wupper, als dieser bei seinem ehemaligen Kommilitonen Jung-Stilling zu Besuch gewesen war, dort hinterlassen hatte. Nah waren wir uns auf diesen Spaziergängen gekommen, nah gewesen und nun, den Abschied vor Augen, bin ich des Genusses dieser herrlichen Umgebung in meiner Stadt kaum fähig. Ja, meines Bleibens an diesem Ort kann nicht weiter sein, wie ich mir eingestehen muss, denn erneut ergreift diese ungekannte Melancholie von mir Besitz. Eine vortreffliche Idee vortäuschend, führe ich die Geliebte zur nächsten Metrostation und fahre mit ihr, es ist Samstag, hinaus zur Porte de Clignancourt. An einem Imbissstand kaufe ich uns Baguette mit Pommes Frites, bei deren Anblick sich meine Freundin zunächst missbilligend räuspert, doch der Kritik folgt die Neugier und ihr der Genuss. Gesättigt bummeln wir über den Flohmarkt. Zwischen Klamotten, Kitsch und Kunst lassen wir uns durch die Menschenmassen treiben, stöbern an einigen Ständen, unterhalten uns angeregt und Dorothea nimmt mir das Versprechen ab, sie im kommenden September zu besuchen, um mit ihr über den großen Flohmarkt auf der Kaiserstraße zu gehen. Dort sei sie noch nie gewesen und wolle dies unbedingt nachholen, jedoch nur gemeinsam mit mir, wie sie lächelnd hinzufügt.
Da selbst in einer Stadt wie Paris die Zeit wie im Fluge vergeht und ich Dorothea meine Stadt möglichst erschöpfend vorstellen möchte, fahre ich mit ihr hinaus nach La Defense. Auf sie wirkt die kühle Nüchternheit dieser Trabantenstadt allerdings wenig beeindruckend oder gar einladend, eher beklemmend, sodass diese kleine Ausfahrt lediglich eine Stippvisite wird. Amüsiert über ihre sehr Bergische Aussprache des Grande Arche, fahre ich mit mir durch die einsetzende Dämmerung zum Montmarte.
An der Station Blanche bekommt das Schummerlicht des Abends uns beide wieder und wir besteigen den Hügel gemächlichen Schrittes über dessen Westflanke. Durch viele Gassen gehen wir hinauf, vorbei an dem Haus, in welchem die unglückliche Dalida ihrem tragischen Leben ein trauriges Ende setzte und, ich gestehe dies erwartet zu haben, schließlich meint meine Geliebte, ihr sei, als wäre sie bereits einmal hier gewesen. Mancher Winkel erinnere sie an die Nordstadt in Elberfeld und dort habe so manche Ecke mit Altbauten, abschüssigen Straßen und steilen Treppen durchaus den Charme dieser berühmten Anhebung im Pariser Norden. „Und die Laurentiuskirche ist dann quasi eure Sacré-Cœur“, bemerke ich spitz. „Falsch! Unsere Notre Dame!“ korrigiert mich Dorothea spaßend, aber im Brusttone der femininen Bestimmtheit. Mit einem leisen Lächeln auf den Lippen folge ich der Ausgelassenen, sachte den Kopf schüttelnd.
Wir verleben einen wunderbaren Abend, essen in einem kleinen Restaurant in einer Seitenstraße, sitzen auf der breiten steinernen Treppe vor der imposanten Kirche, das Panorama der Stadt genießend, und steigen schließlich, unter Zuhilfe-nahme der Funiculaire de Montmartre, wieder hinab, wobei mir Dorothea von ihrem Großvater erzählt, der, bis zu ihrer Stilllegung im Juli des Jahres 1959, Schaffner bei der Wuppertaler Bergbahn gewesen war.
Vergnügt gehen wir in Richtung Place Pigalle, flanieren über den Boulevard de Clichy, vorbei an der Moulin Rouge, dabei sämtliche Reinschmeißer vor den Türen jener Etablissements mit zweifelhafter Geschäftsidee ignorierend, und tauchen wieder hinab in die Unterwelt des Pariser Nahverkehrs.

Ich schlafe besser, als in der Nacht zuvor, träume etwas, woran ich mich später nicht mehr erinnern werde, erblicke beim Erwachen eine fröhliche Dorothea und fühle mich am Morgen des Tages ihres Lebewohls wie neugeboren, was mich grübeln lässt.
Als ich nach einer heißen Dusche das Zimmer betrete, bemerke ich einen Satz frischer Wäsche, welchen die Mutter über die Rückenlehne meines ledernen Bürosessels gehängt hat. Sie pflegt dies sonst nicht zu tun und nach einem kurzen aber nachdenklichen Kratzen am Hinterkopf, kleide ich mich an.
Beim Frühstück zeigt selbst der Vater deutliche Anzeichen von Aufgeräumtheit, was meine Person in Verwunderung setzt und jegliche Abschiedsstimmung zunichte macht. Offensichtlich ist nicht alles so wie immer, jedoch auch nicht so, wie es eigentlich hätte sein müssen. Meine ansonsten heitere Mutter wirkt bedrückt, ja verdrießlich, und mein meist miesepeteriger Vater scherzt mit meiner Freundin, was mich durch den Korridor und durch die Wohnungstür hinaus in den Hausflur treibt, um am Schild neben dem Eingang zu eruieren, ob wir uns in der zurückliegenden Nacht nicht in der Etage geirrt haben. Rieux, so stelle ich fest, sind eindeutig wir und als ich die Küche wieder betrete beschleicht mich das Gefühl, dass ‚wir’ mittlerweile zu viert sind. Meine Eltern hofieren Dorothea geradezu, nehmen meine Person kaum zur Kenntnis und in diesem mir so vertrauten Esszimmer schwiegertochtert es derart, dass ich mir die Frage „Hast du schon gepackt?“ an die Adresse jener Frau, die ich in ein paar Stunden schmerzlich ver-missen werden würde, nicht verkneifen kann. Mir schallt ein lakonisches „alles fertig“ entgegen, was mich beinahe zur Raserei treibt.
Dorotheas Eltern hatten meine Abreise mit heißen Tränen beweint und nun muss ich tatenlos zusehen, wie mein Vater mit ungeahntem Esprit den Gegenstand meiner amourösen Gefühle geradezu eingemeindet, obgleich in wenigen Stunden ein Zug sie mit unbarmherziger Entschlossenheit von mir fortbringen wird. Die Mutter kommt gesenkten Hauptes auf mich zu, nimmt das meine in ihre beiden Hände und küsst den verwundert Schauenden derart, wie zuletzt beim Aufbruch in den ersten Urlaub ohne die Eltern, als ich gerade fünfzehn Jahre alt war. Sie seufzt tief und bekundet kummervoll ihre mütterliche Liebe. Auf die fortschreitende Uhrzeit und die Absicht, Dorothea noch einen Abschiedsblick auf meine Heimatstadt gönnen zu wollen, hinweisend, dränge ich zum Aufbruch. Die Eltern kündigen an, das Gepäck zur rechten Zeit zum Bahnhof bringen und dort am Bahnsteig auf uns warten zu wollen.
Wir gehen durch das Quartier Latin, über den Boulevard Saint Germain hinein nach Saint Germain des Prés. Bereits von weitem leuchtet die grüne Markise des ‚Les Deux Magots’ und spontan beschließe ich, dort einen Kaffee mit Dorothea nehmen zu wollen. Mit den Worten „das ist quasi unser Café du Congo“ bedeute ich ihr feixend, dass sie sich setzen möge. Ich zünde mir eine Zigarette an, lehne mich zurück und sage voll Pathos: „Hier waren sie alle! Von Hemingway über p0g2geph Roth bis zu Klaus Mann.“ Mit einem Schimmer manierierter Arroganz streife ich die Asche von meiner Zigarette ab und bestelle. Meine freie Hand er-fasst die Dorotheas und still genießen wir uns und unsere Verliebtheit.
Dorothea schaut schließlich auf ihre Uhr. Wir brechen auf.
Schweigend betreten wir den Bahnhof und gehen langsam Hand in Hand über den Bahnsteig, entlang des bereitstehenden Zuges, ohne uns anzusehen. Dorotheas Händedruck erscheint mir mit jedem Schritt fester zu werden. Ich sehe zur Bahnhofsuhr und ihr lautloses Ticken dröhnt in meinen Ohren. Jedes Hämmern des Sekundenzeigers mahnt den drohenden Abschied an und mir wird bewusst, dass diese zarte Hand in der meinen mich in Bälde wird loslassen. Wie von der Erde ausgespien, stehen plötzlich meine Eltern vor uns, hinter ihnen ein Wagen mit einem Berg an Bagage. „Ihr verreist?“ frage ich leise und mit unerklärlichem Gleichmut in der Stimme. „Wer die Enge seiner Heimat begreifen will, der reise“, sagt mein Vater mit einem beschwingten Lächeln. Seine Frage, ob ich gewillt sei mitzukommen, beantworte ich mit eisigem Schweigen. Ob ich denn nicht wissen wolle wohin sie führen, fragt meine Mutter. Ihre Stimme erscheint mir fremd. „Ja, natürlich!“ beeile ich mich zu sagen, obgleich es mir einerlei ist. „Ich bringe das Gepäck in den Zug“, erklärt mein Vater mit schelmischem Grinsen und geht fort, den schwer bepackten Wagen vor sich her schiebend. Ich entwickle Fluchtphantasien, will dem Lebewohl ausweichen und schaue Dorothea an. Ich blicke in ein hübsches, beinahe schüchternes Lächeln. Plötzlich deutet sie mit dem Arm voraus und sagt: „Jetzt geh und hilf deinem Vater.“ Meine Blicke folgen ihrem ausgestreckten Gliedmaß und ich sehe den Vater, sämtliche Taschen und Koffer in einen Waggon laden. Verstört schaue ich von Dorothea zur Mutter und wieder zu Dorothea. „Männer begreifen durch Wort, selten durch Tat!“ sagt meine Mutter. Die beiden Frauen nehmen mich in ihre Mitte und so führen sie mich ab, als sei ich vorrübergehend festgenommen.
Innerlich fasse ich den Beschluss, mich über das alles nicht zu wundern, keine Fragen zu stellen und einfach abzuwarten, was passieren wird. Während der langen Zugfahrt redet fast ausschließlich der Vater, den ich nie zuvor derart monologisierend erlebt habe. Als Quintessenz seiner Ausführungen konstatiere ich, dass er nun bereit ist, die Wurzel seiner Familie kennenzulernen. Schuld seien Dorotheas Erzählungen über das Tal an der Wupper, wie er kurz vor dem Umsteigen im Kölner Hauptbahnhof hinzufügt. „Und ist nicht auch Heimat dort, wo der Mensch weilt, den man liebt?“ bemerkt meine Mutter übertrieben expressiv. Mit dieser Frage im Raume erheben wir uns, nehmen all unser Gepäck und verlassen das Abteil.
Obzwar nicht zu den Menschen gehörend, die Gefühle nach außen demonstrieren, war meinen Eltern in den wenigen vergangenen, gemeinsamen Stunden nicht entgangen, welch tiefe Gefühle ich Dorothea entgegenbringe und sie wissen, welch törrichter Gedanke es ist, sich einfach zu trennen. Ein Brief, ein Telefonat, eine E-Mail ersetzen nicht das Zusammensein. Wir sind vier Reisende die alle an den selben Ort wollen, aber nicht das selbe Ziel haben. Allmählich kommen mir Ahnungen über den Inhalt des Hartschalenkoffers meines Vaters, den ich hinter mir her ziehe und über den Grund, warum die Mutter mit dem Herauslegen meiner Garderobe verhindern wollte, dass ich in meinen Kleiderschrank schaute. Während wir unser Reisegut durch den Bahnhof zum Anschlusszug befördern, kommt mir das Wort ‚Entwicklungshilfe’ in den Sinn, was mich in homerisches Gelächter ausbrechen lässt. „Endlich hat er es verstanden“, sagt meine Mutter zu Dorothea und stumm gebe ich ihr Recht.
Die letzte Etappe dieser so unverhofften Reise verläuft nahezu schweigend. Vorbei an Weiden, auf welchen Pferde und Kühe grasen, vorbei an weiten Feldern nähern wir uns dem engen Tal. Mit einem Mal befreit Dorothea sich aus meinem Arm, stößt sanft ihren Ellbogen in meine Seite und deutet lächelnd aus dem Fenster. Das Abendrot gibt schweigend und gelassen eine quarderförmige Kathedrale des Siedelns von sich, die sich majestätisch über dem beginnenden Tal erhebt. Ich kann mich eines Schmunzelns nicht erwehren, beuge mich zu ihr und flüstere in ihr Ohr: „Wir sind zu Hause.“

 

 


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